|
Die Welt: 06.02.07
"Die Choreographin hat Prokofjews Abendfüller *Romeo und Julia*, dessen Musik das Saarländische Staatsorchester unter Christophe Hellmann so feurig wie präzise realisiert, intelligent verschlankt und lässt ihn, in nur zwei Stunden einschließlich einer Pause, auf flachen Sohlen tanzen: als leidenschaftliches Plädoyer für das Recht der Jugend, sich ohne Rücksicht auf familiäre und andere Konventionen, auch ohne Rücksicht auf Verluste und Blessuren, in die unbedingte Liebe förmlich hinein zu stürzen.
Auf Veronas Marktplatz, von Cécile Bouchier mit einer Menge altmodischer Lampenschirme eher als die Erweiterung eines bürgerlichen Wohnzimmers ausgestattet, herrscht von Beginn an ein Klima tändelnder Partnersuche unter Jugendlichen, in dem Romeo (Takayuki Shiraishi) bei Rosaline (Liliana Barros) nicht wirklich landen kann. Auch die wohlerzogenen Teenager, die Julia (in der hinreißenden Darstellung der Koreanerin Youn Hui Jeon, schon jetzt eine Anwärterin auf die Auszeichnung als *Tänzerin des Jahres*) in ihrem Schlafzimmer aufsuchen, sind auf der Suche nach ihrer Sexualität: kichernd über dem Faltblatt des *Playboy*, das sie vor der Amme (Elmer Domdom) zu verstecken suchen.
Dramaturgisch lässt Donlons Neufassung keine Wünsche offen, und choreografisch bewegt sie sich von einem Höhepunkt zum nächsten. Mit Romeos und Julias Begegnung auf dem Ball in ihrem Elternhaus gewinnt die Aufführung nach der lockeren Exposition einen neuen Ernst, der schon etwas vom tödlichen Ausgang der Geschichte ahnen lässt. In der Balkonszene aber, mit drei langen Schaukeln aus dem Schnürboden, lässt Donlon die Liebenden buchstäblich in den siebten Himmel fliegen und in eine Seligkeit, die kaum noch von dieser Welt ist. Selbst für das schwierige, ohne Shakespeares Text kaum je gelingende Finale mit der Botschaft von Julias Scheintod, die Romeo nie erreicht, hat Donlon eine leidlich plausible Lösung gefunden, die doppelte Sterbeszene ganz am Ende gestaltet sie hochdramatisch, anrührend und ganz ohne jenen Kitsch, der sich in anderen *Romeo und Julia*-Balletten so gern einstellt, wenn der Jüngling mit dem Körper seiner vermeintlich toten Geliebten herumspielt.
Natürlich ist, neben der Choreographie, das Ensemble mit seinen erstklassigen Solisten der zweite Star der Aufführung.
Offensichtlich hat dieses Ensemble, * (leider) kein Deutscher darunter, dafür aber mehrere Asiaten, was Donlon möglicherweise zum Anlass genommen hat, der Aufführung den einen oder anderen fernöstlichen Touch mitzugeben *, einen Riesenspaß an der Sache, und dieser Spaß teilt sich dem Publikum unmittelbar mit. Das Ergebnis ist, kaum zu glauben, die international wohl beste Aufführung von Prokofjews *Romeo und Julia*-Ballett nicht etwa seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten, eine Aufführung, die jede Reise in die Saarbrücker Provinz wert ist."
Jochen Schmidt
|